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BOOST Thyroid’s Mission das Leben von Hashimoto Betroffenen mit moderner Technologie zu verbessern

BOOST Thyroid’s Mission das Leben von Hashimoto Betroffenen mit moderner Technologie zu verbessern

In ihrem Bestreben, ein besseres Leben für Hashimoto Patient*innen zu schaffen, gründete Vedrana BOOST Thyroid, eine App, die Patient*innen kontinuierlich Einblicke in die Gesundheit ihrer Schilddrüse und ihre Hashimoto-Kondition gibt.

Schilddrüsenerkrankungen betreffen weltweit Millionen von Menschen, überwiegend Frauen. Das Tückische an dieser Erkrankung ist, dass es schwierig ist, eine frühzeitige Diagnose zu stellen und damit gesundheitliche Komplikationen durch eine späte Diagnose und ein schlechtes Gesundheitsmanagement zu verhindern. Schilddrüsenhormone steuern wie unser Körper mit Energie umgeht. Sie betreffen fast jedes Organ in unserem Körper und ohne ausreichend Schilddrüsenhormone verlangsamen sich viele Funktionen unseres Körpers. Dr. Vedrana Högqvist Tabor, Mitgründerin und Geschäftsführerin, ist selbst Patientin von Hashimoto.

Vedrana hat mit ihrem Team eine digitale Lösung mit wissenschaftlichen und gleichzeitig Community-fokussierten Ansatz für das persönliche Wohlbefinden der Patient*innen von Hashimoto auf der ganzen Welt entwickelt. Wir sprachen mit Vedrana darüber, wie sie mit BOOST Thyroid angefangen hat, was ihre wichtigsten Herausforderungen sind und wie sie ihre Rolle als Gründerin und Vorbild sieht.

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?

Vedrana: Leidenschaftlich, neugierig und entschlossen.

Vedrana Högqvist Tabor, Rico Gujjula und Mikael Högqvist Tabor (Credit: Amin Akhtar/Vodafone Institut)

Wie bist du auf die Idee gekommen, was war die Initialzündung dein Unternehmen zu gründen?

Vedrana: Es war eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Ich bin ein Mensch, der seiner Passion folgt und versucht Dinge zu tun, die dem Leben wert geben. Deshalb habe ich angefangen Biologie zu studieren. Im Jahr 2012 sah ich, dass es einen Umbruch im Gesundheitswesen gab, der durch neue digitale Technologien und tragbare Sensoren verstärkt wurde. Ich habe mich sehr für Daten interessiert und wie diese im Alltag von Patient*innen erfasst und genutzt werden können. So wurde mein Interesse für digitale Technologien geweckt.

2014, zwei Jahre später, als ich gerade am Karolinska-Institut als Wissenschaftlerin arbeitete, wurde bei einer Freundin von mir zu spät Krebs diagnostiziert und die Ärzte konnten sie nicht retten. Ich denke, dass ich zu diesem Zeitpunkt ein wenig den Glauben an die klassische, akademische Wissenschaft verloren habe und dass diese heutzutage die besten Lösungen für die Gesundheit der Menschen finden kann. Ich verließ das akademische Umfeld und beschloss, Projekte und Unternehmen im Bereich der digitalen Gesundheit anzugehen, die Menschen helfen zu verstehen, ob sie zu einer gesundheitlichen Risikogruppe gehören und ihnen eine Lösung für ein präventives Krankheitsmanagement anzubieten.

Ich habe BOOST Thyroid gegründet, weil ich selbst eine Hashimoto Patientin bin. Das Unternehmen entstand aus meiner eigenen Erfahrung und Kampf als Patientin heraus und aus der Erkenntnis, dass es Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gibt, die den gleichen Gesundheitszustand haben, das gleiche Problem, die gleichen gesundheitlichen Komplikationen.

Was waren die ersten Schritte, die du unternommen hast, um dein eigenes Unternehmen aufzubauen?

Vedrana: Ich denke, dass der allererste Schritt darin bestand, mit meinem Partner zu sprechen und ihm zu sagen, dass ich BOOST Thyroid gründen will. Der zweite Schritt war dann meinen Job zu kündigen und gleichzeitig nach Gleichgesinnten zu suchen, die daran interessiert sind sich mir anzuschließen. Außerdem habe ich Patient*innen interviewt, die ich aus meinem sozialen Umfeld kenne.

Anschließend fing ich an, über die Krankheit zu schreiben, ich begann Daten aus wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zu ziehen, weil ich mir klar wurde, dass es viele Informationen online gibt, die nicht aus wissenschaftlich belegten Quellen stammen. Ich dachte, dass die Leute verlässliche Informationen brauchen. Das waren die ersten Schritte; die Kündigung meines Jobs, Schreiben über Hashimoto und die Befragung von Patient*innen.

Wenn du darauf zurückblickst, dass du den Mut hattest deinen Job zu kündigen und ein eigenes Unternehmen zu gründen – etwas was sich vor allem viele Frauen nicht zutrauen – was ist dein wichtigstes Learning aus dieser Phase? Gibt es etwas, das du anderen Frauen empfehlen würdest, die dasselbe vorhaben?

Vedrana: Das ist ein sehr valides Problem, denn es ist schwer, wenn man keine Ressourcen hat. Wenn du genug Ressourcen hast, also Geld und Zeit hast, dann nimm dir vielleicht eine Auszeit von deinem Job oder kündige deinen Job und gib dir ein paar Monate und schau, ob deine Idee funktioniert oder nicht. Wenn du in deinen Ressourcen eingeschränkter bist, finde einen anderen Weg, um mit deinem Unternehmen zu starten. Das habe ich ein Jahr lang getan, als ich am Karolinska-Institut gearbeitet habe: Ich habe meine Nächte und Wochenenden damit verbracht, Entrepreneurship zu studieren – obwohl man das nicht studieren muss, um ein Unternehmen zu gründen. Aber dadurch kam ich mit vielen Leuten in Kontakt, die potentiellen Mitgründer*innen werden konnten, die meine Idee und Annahmen befürworteten oder aber ablehnten.

Auf jeden Fall ist es sehr wichtig mit Leuten über deine Idee zu sprechen, darüber, was du genau tun möchtest und über dein Wertesystem. Natürlich ist der monetäre Aspekt ebenso wichtig, es sei denn, du bist dir sicher, dass du dich durch mindestens sechs Monate Arbeitslosigkeit kämpfen kannst. Wenn du das jedoch nicht kannst, kündige deinen Job nicht, denn es wird mehr als sechs Monate dauern bis du deine ersten Investitionen oder Einnahmen zu Gesicht bekommst.

Wenn du diesen finanziellen Puffer nicht hast, kannst du vielleicht abends an deinem Projekt arbeiten, am Wochenende Leute interviewen und versuchen deine Idee zu entwickeln, eine*n Mitgründer*in finden. Jetzt ist es 2019, es gibt viel mehr Treffen und Veranstaltungen für Frauen, bei denen du eine*n Mitgründer*in finden und deine Idee teilen kannst. Es ist etwas einfacher als vor fünf, sechs Jahren und etwas vielseitiger in gewisser Weise.

Vedrana Högqvist Tabor und Mikael Högqvist Tabor (Credit: Amin Akhtar/Vodafone Institut)

Was waren die ersten Herausforderungen mit denen du konfrontiert wurdest und wie hast du sie gemeistert. Gab es einen Moment, in dem du dachtest, „Das wars!“ ?

Vedrana: Es gibt tägliche Herausforderungen, die auch nicht aufhören werden. Dieses Gefühl zum Beispiel, dass es besser sein könnte. Es gibt großartige Tage und es gibt schlechte Tage, aber der Kampf bleibt immer derselbe. Ich denke, das ist auch das, was sehr erfolgreiche Menschen sagen würden.

Ich persönlich denke, dass meine größte Herausforderung das Fundraising als neue Unternehmerin war. Ich bin eine eher außergewöhnliche Gründerin und ich spreche nicht nur davon eine Frau zu sein, sondern auch davon, ein wenig älter zu sein – ich bin jetzt in meinen Vierzigern und das ist nicht etwas, was man in dem Bereich normalerweise sieht: Eine Frau, die ein Health-Tech-Start up mit Impact-Fokus führt, eine Frau, die nicht aus Deutschland stammt – wo ich mein Unternehmen gegründet habe. Das alles machte es deutlich schwieriger und das sind natürlich die Dinge, die einfacher gewesen wären, wenn ich mit jemanden aus Deutschland zusammen gegründet hätte, der oder die bereits eine nachgewiesene Erfolgsbilanz hat. Ich denke, dass das Fundraising einer der größeren Kämpfe war.

Eine andere Herausforderung ist die Sensibilisierung für das, was wir tun. Es gibt einen Unterschied, wie ich 2016 mit den Menschen über Hashimoto und Schilddrüsenunterfunktion sprechen musste und wie ich heute mit ihnen spreche. Und dieses Bewusstsein ist nicht nur dank mir da, es ist das Ergebnis von verschiedenen Ereignissen und es gibt natürlich auch andere Menschen, die zum Bewusstsein von typischen „Frauenkrankheiten“ beigetragen haben, sodass sich das gesamte Feld verändert. Aber was ich als die größte Herausforderung sehe, wird immer die Beschaffung von Geldern und die Validierung des Unternehmens auf das richtige Niveau sein.

Wenn man die positiven Aspekte des Gründens betrachtet, gibt es auf deinem Weg Momente, die du definitiv nie vergessen wirst und auf die du gern zurückschaust, wenn du einen schlechten Tag hast?

Vedrana: Es ist auf jeden Fall mehr als ein Moment. Wenn ich einen schlechten Tag habe, schaue ich mir zunächst E-Mails unseren User*innen an, die schreiben, wie wir ihr Leben verändert und ihnen zu besserer Gesundheit und Lebensqualität verholfen haben. Das ist sehr bewegend und intensiv, es ist der beste Lohn für alles, was wir bisher gemacht haben. Das Lesen dieser Nachrichten hat mich aus einigen sehr hoffnungslosen und dunklen Zeiten herausgeholt. Das ist eine Sache, die wirklich hilft.

Ein weiterer Aspekt ist es dann natürlich auch noch tolle Teammitglieder zu finden. Wann immer ich an unser Team denke – und wir sind ein kleines Team – bin ich so glücklich darüber, dass sie sich dafür entschieden haben mit uns zu arbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar. Andere Gründer*innen zu treffen und großartige Investoren*innen zu gewinnen, das sind alles super positive Dinge an die ich mich immer wieder erinnere, wenn es nicht gut läuft. Wir haben viel erreicht, wir haben die Unterstützung von großartigen Menschen, haben großartigen User*innen und wirklich tolle wissenschaftliche Kooperationen. Ich schaue gerne, wo wir 2016 waren und wo wir jetzt sind. Dieser Sprung, den wir gemacht haben, macht mich wirklich glücklich.

Was ist deine Vision für BOOST Thyroid in fünf Jahren?

Vedrana: Ich denke, in fünf Jahren werden wir mehr Menschen helfen können. Heute haben wir eine relativ kleine Nutzerbasis, verglichen mit 350 Millionen Menschen, die an der Krankheit leiden. Wir wären in der Lage mehr Menschen zu erfassen und ihnen zu helfen, eine frühere Diagnose zu erhalten und gesundheitliche Komplikationen durch ein personalisiertes Gesundheitsmanagement zu vermeiden. Hierin sehe ich den Wert, den wir den Menschen bringen werden.

Ich denke auch, dass der Wert, den wir der Gesamtgesellschaft bringen werden, ein ebenso wichtiger Faktor ist. Es wird in Zukunft gesündere Menschen geben, die derzeit noch zu kämpfen haben. Ich denke auch, dass komplexen Erkrankungen, die hauptsächlich Frauen betreffen, gleichermaßen wichtig sind und es verdienen, sowohl von Forschern*innen als auch von Fachleuten des Gesundheitswesens bearbeitet zu werden. Wir sollten typische „Frauenkrankheiten“ auf das Niveau bringen, auf dem sie gleichwertig sind: Gleich gut erforscht, gleichwertig behandelt, frühzeitig diagnostiziert und mit verschiedenen Arten von präventiven, individuellen Behandlungen gleich behandelt.

Kurzfristig gedacht, was sind die nächsten drei Schritte für dich?

Vedrana: Die nächsten Schritte für uns sind die Zusammenarbeit mit der medizinischen Seite und die Verbesserung der Gespräche zwischen Patient*innen und Ärzt*innen sowie die Verbesserung der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Das ist ein kurzfristiges Ziel. Das hilft auch Ärzt*innen, zu verstehen und zu wissen, was die richtige Behandlung für jede*n Patient*in ist.

Das ist zum Beispiel etwas, das noch nicht abgeschlossen ist. Wir präsentieren unsere Forschungsarbeiten in zwei Wochen bei der American Thyroid Association, der größten nordamerikanischen Konferenz für Ärzt*innen zum Thema Schilddrüsengesundheit. Wir haben uns auch auf der größten europäischen und deutschen Messe präsentiert.

Dieser Ansatz hat das Ziel, die Ärzt*innen zu stärken, denn Ärzt*innen und medizinische Fachkräfte sind nicht der Feind. Sie werden im Grunde genommen in eine ebenso schlechte Position gebracht, weil es an Forschung mangelt. So planen wir im Grunde genommen Balance in die Konversation zu bringen, sodass es keine Frustration mehr gibt. Zusammen können Patient*innen und Ärzt*innen auf ein besseres Gesundheitsmanagement hinarbeiten.

Du hast erwähnt, dass du als Gründerin ein paar Kämpfe führst, die männliche Gründer potenziell nicht haben. Wie siehst du deine Rolle in der Gründer*innen- bzw. Tech-Landschaft?

Vedrana: Das ist eine schwierige Frage. Natürlich kannst du ein Vorbild sein. Zum Beispiel wurde ich gestern von einem Venture Capitalist angesprochen und mir wurde dessen Webseite geschickt. Als ich ihr Portfolio überprüfte, hatten sie nur männliche Gründer. Dann habe ich darüber nachgedacht, warum ich kein Teil davon sein will: Vielleicht sind es nette Menschen, aber sie sind nicht nett genug für mich, um mich tatsächlich mit ihnen zu beschäftigen. Und ich schrieb ihnen: Ich bin eine Gründerin, du hast nur männliche Gründer, ich sehe keine Gleichstellung bei euch.

Ich denke, dass diese Art von Herausfordern wichtig ist. Sprich: Investor*innen herausfordern, die nur in Männer investieren und jede*n Investor*in zu fragen in wen sie investieren und versuchen, die weibliche Agenda mit ihnen voranzutreiben. Denn Investor*innen haben viel Macht, sie haben Geld, sie können jede Gründerin – auch ungewöhnliche oder unkonventionelle Gründerinnen – befähigen wunderbare Dinge zu tun. Aber dafür ist Geld notwendig. Ich persönlich versuche, mit den Investor*innen in Kontakt zu treten und ihnen klar zu machen, dass es aus vielen verschiedenen Gründen wichtig ist in Frauen zu investieren, auch, weil sie sonst große Chancen verpassen werden, wenn sie es nicht tun.

Die zweite Sache ist, Frauen zu helfen. Ich würde sogar sagen, „ungewöhnlichen Gründer*innen“ zu helfen, also jemanden unterstützen, der älter ist, aus einem anderen Land oder mit einem anderen Niveau an Fähigkeiten. Ich identifiziere mich mit allen von ihnen, es müssen nicht unbedingt Frauen sein, aber sie sind es meistens. Ich helfe ihnen gerne mit meinem Rat und meinem Netzwerk. Ich denke, dass die Erweiterung des Netzwerks von jemandem wirklich von Vorteil ist.

Der dritte Aspekt, den ich für hilfreich halte, ist, dass alle Gründerinnen mit erfolgreichen Gründungsgeschichten selbst Investorinnen werden sollten. Weil ich gesehen habe, dass das in den nordischen Ländern wirklich gut funktioniert. Es gibt mehr weibliche Investoren, die darauf achten in bestimmte, auch weibliche Lösungen zu investieren. Das hilft wirklich. Ein*e Investor*in zu kennen, die oder der ehemalige*r Gründer*in ist, hilft auch wirklich auf vielfältige Weise, nicht nur mit dem finanziellen Aspekt, sondern auch im Bezug auf das Netzwerk und den Erfahrungsaustausch.

Ich denke, es ist keine einfache Antwort, aber es würde helfen, das Bewusstsein mit VCs und Investor*innen zu schärfen, die normalerweise nicht in Frauen investieren, ihnen zu erklären, warum sie in Frauen investieren sollten.  Und ich würde gern in Zukunft selbst Investorin werden und der Community – vor allem Frauen – helfen.