Wie eine App bei Integration hilft

Ohne Sprache keine Integration, ohne Bildung keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Welche Rolle der Fußball spielen und wie eine Lern-App dabei helfen kann, diskutierte ein Panel in Berlin.

Sein Rat, das gibt Manfred Kastner zu, ist ein wenig zugespitzt formuliert. Aber im Kern ist doch viel Wahres in ihm enthalten. Digitales Zeitalter hin oder her – „wer wissen will, wie es vor 100 Jahren war, der muss nur in eine Schule gehen. Dort hat sich in der Regel nicht viel verändert“, sagt der österreichische Unternehmer und Gründer der Bildungsinitiative „VISION EDUCATION“ mit einem Augenzwinkern.

Was sich dagegen derzeit rasant verändert, sind unsere Welt, unsere Gesellschaft, unsere technologischen Möglichkeiten. 60 Millionen Menschen befinden sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit auf der Flucht. Mehr als 1,1 Millionen suchten allein 2015 Schutz in Deutschland. Integration wird zur Herkulesaufgabe, Bildung zu einem Schlüsselfaktor.

Und nicht nur nach Ansicht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind dabei hierzulande „Deutschkenntnisse die Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe in unserem Land und damit unerlässlich für eine erfolgreiche Integration“.

An dieser Stelle setzt „VISION EDUCATION Football“ an – eine passenderweise zur Fußball-Europameisterschaft gestartete, pfiffige Deutsch-Lern-App, mit Hilfe derer etwa Migranten und Flüchtlinge spielerisch und im Kontext von Sport einen Grundwortschatz der für sie fremden Sprache erlernen können.

Warum die von Vodafone unterstützte App – derzeit in 14, demnächst in 20 verschiedenen Sprachen verfügbar – „enormes Potenzial“ hat, erläuterte Kastner auf einer Paneldiskussion des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation am 6. Juli in Berlin („Sport als Brückenbauer? Zur Rolle des Fußballs für die Integration“): „Smartphones sind für Flüchtlinge heute quasi ein Conditio sine qua non. Auch sie leben schließlich im digitalen und nicht im Steinzeitalter. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass lebensnahes Lernen ein sehr guter Trigger ist. Und: Die Fußball-Community ist größer als die Facebook-Community. 1,5 Milliarden Menschen weltweit beschäftigen sich Schätzungen zufolge täglich mit diesem Sport.“

Teaserbild zur Fußball-App Veranstaltung

Der Gründer von VISION EDUCATION, Manfred Kastner (r.) diskutiert mit Prof. Dr. Sebastian Braun und Moderatorin Kristin Narr (Foto: Vodafone Institut)

Welche Möglichkeiten Fußball im Alltag zur Integration eröffnet, beschrieben im Laufe der einstündigen Diskussion aus der Praxis sehr anschaulich Mehmet Matur, Integrationsbeauftragter im Berliner Fußball-Verband (BFV), und Lyés Bouziane, Jugendleiter bei dem für sein Engagement zur Sprachförderung ausgezeichneten Hauptstadt-Sportverein Rot-Weiss Viktoria Mitte 08.

Bouziane meint: „Kommunikation auf dem Sportplatz muss in einer Sprache geschehen, die alle verstehen. In Deutschland ist das eben Deutsch. Dieses Ziel vertreten wir in unserer Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, und dieser Standpunkt ist inzwischen so auch von allen angenommen worden.“

Zwar dürfe der Sport nicht mit Erwartungen überfrachtet werden. Darin war sich die von der Berliner Medienpädagogin Kristin Narr moderierte Runde einig. Doch übt die „Glitzerwelt Fußball mit ihren Boatengs und Messis an der Spitze“, wie der Leiter der Abteilung Integration, Sport und Fußball an der HU Berlin, Prof. Dr. Sebastian Braun, sie nicht unkritisch bezeichnete, eine derart große Faszination auf Heranwachsende weltweit aus, dass Sponsoren schon aus Corporate-Social-Responsibility-Gründen Interesse daran haben sollten, ihn als Instrument für hehrere Ziele als Unterhaltung zu nutzen.

„Warum“, fragte Braun schelmisch, „steht in einer Ecke der Sprachlern-App eigentlich nicht ‚Fifa’? Eine tollere Werbung für Fußball kann ich mir gar nicht vorstellen.“

Panelisten (v.l.n.r.): Lyés Bouziane, Prof. Dr. Sebastian Braun, Kristin Narr, Manfred Kastner, Michael Reinartz (Foto: Vodafone Institut)

Insbesondere der spielerische Ansatz von „VISION EDUCATION Football“ mache diese so attraktiv, meinte Michael Reinartz. „Als Telekommunikationsunternehmen sind wir stets auf der Suche nach spannenden Themen, die am Ende auch unseren Kunden Spaß machen und ihnen einen Mehrwert bieten“, begründete der Bereichsleiter Innovation das Engagement von Vodafone. „Gamification“ ist dabei ein bedeutsamer Trend.

In seinem Schlusswort resümierte Gastgeber Dr. Mark Speich, Geschäftsführer des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation: „Der Fußballsport alleine bringt noch keine Integration hervor, sondern nur seine Einbettung in ein sinnvolles Konzept. Und dieses Konzept kann regional oder lokal sein wie im Sportverein, aber auch digital, wenn es sich die neuesten Erkenntnisse von Technologie zueigen macht.“

Anders ausgedrückt: Ja, der Sport vermag Brücken zu bauen – aber die Bausteine dafür müssen eben intelligent zusammengesetzt werden.