„Big Data zu verteufeln, ist rückwärtsgewandt“

Am Rande der Auftaktveranstaltung von „Big Data - Big Power Shifts?“ sprach Mike Savage, Soziologe an der London School of Economics, über die wachsende Bedeutung von Big Data.

Mike Savage

Mike Savage ist sich sicher, dass Big Data enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Sozialwissenschaften haben wird (Foto: Vodafone Institut)

Mr. Savage, wie würden Sie die allgemeine Bedeutung von Big Data für die Wissenschaft beschreiben?

Savage: Es ist eine der fundamentalsten Herausforderungen der Wissenschaft, zu verstehen, wie Big Data genutzt werden kann. An dieser Stelle ist insbesondere die sozialwissenschaftliche Gemeinschaft noch sehr gespalten. Einige glauben, Big Data könne nicht zielführend für ihre wissenschaftlichen Bestrebungen verwendet werden, weil beispielsweise Fragen nach der Kausalität und individuellen Zurechnung bislang nicht ausreichend beantwortet sind. Für mich hingegen besteht der Vorteil darin, dass Big Data es erlaubt, ganze Bevölkerungsgruppen mit Hilfe einer bestimmten Merkmalsanzahl auf eine Weise zu erfassen, die einen sehr detaillierten Blick auf viele Merkmalsausprägungen erlaubt. In meinem Forschungsbereich, der Untersuchung von sozialen Klassen und Ungleichheiten in der Gesellschaft, fördert das viele interessante und bislang unbekannte Ergebnisse zu Tage.

Worin besteht der Hauptunterschied zu anderen sozialwissenschaftlichen Herangehensweisen?

Savage: Um die Eigenschaften ganzer Gesellschaften zu beschreiben, haben Soziologen in der Vergangenheit oftmals sehr weitgefasste Kategorien entworfen. Durch Big Data lassen sich diese nun deutlich trennschärfer abbilden. Kategorien können gedanklich nun so konstruiert werden, dass die Aussagekraft auf der Detailebene enorm gesteigert wird, was ein umfängliches Prozessverständnis in nie dagewesenem Ausmaß erlaubt.

Was erwidern Sie denjenigen, die der Verwendung von Big Data kritisch gegenüberstehen?

Savage: Diese Einschätzung respektiere ich. Das Thema Big Data wird oftmals sehr hochgespielt, zweifelsohne bestehen jedoch einige Unzulänglichkeiten. Oftmals gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten der Daten, kausale Zusammenhänge lassen sich nicht immer unfallfrei ableiten. Natürlich spielt auch die Frage einer ethisch vertretbaren und vertrauenswürdigen Datensammlung eine Rolle. Kritik ist also durchaus berechtigt. Ich denke jedoch, dass wir um die Bewältigung dieser Herausforderungen nicht herumkommen. Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran und damit der Zugang zu und die Bedeutung von Daten. Damit müssen wir lernen umzugehen. Big Data einzig zu verteufeln, halte ich daher für zu negativ und rückwärtsgewandt.

Was begeistert Sie persönlich am meisten in der Arbeit mit und an Big Data?

Savage: Zum Teil ist es einfach pure Neugierde. Teilweise ist es auch die Herausforderung, an etwas völlig Neuem zu arbeiten. Aber ich bin eben Soziologe durch und durch. Ich war seit jeher davon getrieben, die wissenschaftlichen Debatten über soziale Strukturen mit geografischen Bedingungen und dem Faktor Räumlichkeit zu koppeln. Mit den bisherigen soziologischen Instrumenten lassen sich Gesellschaften nicht ohne Weiteres kartographieren. Klassische Umfragetools stoßen dabei schnell an Grenzen, insbesondere da die Fallanzahl generell zu gering ist. Die Anzahl der Fälle ist für diese Art der Forschung aber einfach essenziell. Big Data hingegen verbindet diese beiden Elemente: Mit denselben Daten lassen sich zum einen universelle Aussagen über eine Gesellschaft machen, zum anderen ermöglicht Big Data detaillierte graphische Analysen. Dadurch ergibt sich eine neuartige wissenschaftliche Interdisziplinarität, resultierend in weitreichenden Synergieeffekten. Für mich persönlich ist das einfach sehr spannend.

Mr. Savage, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Mehr zu Big Data gab es auch bei unserer „Digitising Europe Initiative – Berlin 2015“. Nach der letztjährigen Auftaktveranstaltung, zu der wir u.a. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Rahmen einer politischen Keynote begrüßen durften, waren in diesem Jahr der Bestsellerautor und Unternehmer Andrew Keen und der MIT Mitbegründer Alex „Sandy“ Pentland zu Gast. Mehr Informationen zu diesem Event finden Sie hier.