Der Beginn einer Revolution

Ein „Gigabit-Pakt“ von Politik, Unternehmen und Banken soll Deutschland mit Glasfaser versorgen. Dafür plädiert Hannes Ametsreiter, CEO von Vodafone Deutschland, auf dem „Digitising Europe“-Summit.

Die Zukunft drückt aufs Tempo. Daten rasen durch die Welt. Kaum eine Millisekunde dauert es, bis sie den Empfänger erreichen. Sonst stockt die Produktion in den Fabriken, sonst bremst das fahrerlose Auto zu spät. Längst haben wir die Schwelle überschritten zur „Gigabit-Gesellschaft“, in der Abläufe über riesige Datenmengen gesteuert werden, nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in unserem Alltag. Wie ändert diese Digitalisierung die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten?

Ametsreiter Summit (Bild1)

Vodafone Deutschland Chef Dr. Hannes Ametsreiter eröffnete den Gigabit-Summit in Düsseldorf (Foto: Vodafone Institut)

Von Grund auf, sagt Hannes Ametsreiter. Der CEO von Vodafone Deutschland sieht auf dem „Digitising Europe“-Summit des Vodafone Instituts in Düsseldorf die Welt „am Beginn einer Revolution“. Alles wird erfasst, alles wird ausgewertet. Computer und ihre mobilen Cousins, die Roboter, unterstützen die Menschen intelligenter und damit umfassender als jemals zuvor. Denn sie haben im Überfluss, was früher nur mühsam zu finden war: verlässliche Daten. Weltweit wird bis 2019 ein Anstieg des Datenvolumens auf mehr als 50.000 Gigabit in der Sekunde prognostiziert – gut dreimal so viel wie heute.

Selbst diese immensen Mengen lassen sich mit modernen Glasfaserkabeln problemlos transportieren. Kupferkabel hingegen schaffen es nicht, das in der Gigabit-Gesellschaft geforderte Tempo mitzugehen. Da Deutschland bislang am Kupfer festhält, liegt es mit seiner Netzabdeckung und der Geschwindigkeit seiner Datenleitungen international nur im Mittelfeld.

Das besagt eine Studie von IW Consult im Auftrag des Vodafone Instituts. Lediglich 1,3 Prozent aller Anschlüsse hierzulande basieren auf reinen Glasfaseranschlüssen, während es in Südkorea fast 70 Prozent sind. Entsprechend geruhsam sind Daten in Deutschland unterwegs: durchschnittlich mit 12,9 Megabit pro Sekunde. Südkorea kommt auf 26,7 Megabit pro Sekunde.

„Deutschland fällt zurück und verliert an Wettbewerbsfähigkeit“, mahnt Ametsreiter. Er fordert einen „Gigabit-Pakt“, in dem Politik und Unternehmen mit den Banken zusammenwirken, um ein gewaltiges Projekt zu stemmen: Deutschland mit einem Glasfasernetz zu versorgen.

Es wäre eine lohnende Investition, besagt die IW-Consult-Studie. Jedes Prozent zusätzliche Glasfaser im Netz ergebe beim Bruttosozialprodukt ein Plus von gut 600 Millionen Euro, und das Jahr für Jahr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): „Gerade weil Deutschland beim Glasfaserausbau noch am Anfang steht, sind bei Investitionen besonders große Vorteile zu erwarten.“

Ohne zu zögern

Zumal ein großes Problem des Datenaustauschs gelöst wird: die Latenz, also die Zeitspanne zwischen Senden und Empfangen. Da können bereits 0,2 Sekunden den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, wie Frank Ellinger von der TU Dresden am Rande des Summits an einem Beispiel erklärte: Wenn im fahrerlosen Auto die Information „Kind auf die Straße gelaufen“ erst nach 200 Millisekunden bei den Bremsen ankommt, hat das Auto (bei 90 Stundenkilometern) bereits fünf Meter zurückgelegt. Die modernsten Systeme hingegen können Daten in „Echtzeit“ austauschen, innerhalb einer Millisekunde.

Das erschien lange Zeit kaum erreichbar, selbst eine Latenz von 30 Millisekunden galt als großer Fortschritt. Für Ellinger ist „Echtzeit“ zwar ein wertvoller Zwischenschritt, das Ziel jedoch heißt: „Lichtgeschwindigkeit – da ist also noch eine Menge Luft nach oben“.

Panelisten Gigabit Summit (Bild3)

V.l.n.r.: Moderatorin Lisa Witter mit Panelisten Anna Dimitrova (Vodafone Germany), Prof. Dr Hartmut Schmeck (Research Center for Information Technology, Karlsruhe Institute of Technology), Prof. Dr Thomas Magedanz (Fraunhofer FOKUS Institute for Open Communication Systems), Maxim Nohroudi (Ally App), Prof. Dr Frank Ellinger (TU Dresden) und Cedrik Neike (Cisco) (Foto: Vodafone Institut)

Geht es nach den Unternehmen, die sich auf die Gigabit-Gesellschaft einlassen, darf Ellinger gern Höhenluft schnuppern. Auf dem Summit berichtete Klöckner-CEO Gisbert Rühl, wie Big Data die Lieferkette der Stahlhändler zerreißt und neu zusammenfügt. Mittelfristig will Klöckner einen digitalen Marktplatz aufbauen, auf dem Käufer und Verkäufer von Stahl zusammenkommen. Dafür sammelt Klöckner alle Daten über seine Kunden und Transaktionen, um sie zu interpretieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

„Das müssen wir erst lernen“, sagte Rühl, „und dann nutzen.“ Klöckner ist ein Unternehmen ganz nach dem Geschmack von Cedrik Neike, Senior Vice President für Service Delivery bei Cisco: „Wer nicht lernt, Daten zu erheben und zu analysieren, wird untergehen.“

Diese Analysen übernehmen Computer, ebenso wie viele andere Aufgaben, für die früher Menschen zuständig waren. 47 Prozent aller Berufe, die US-Amerikaner derzeit ausüben, werden demnächst von Computern erledigt werden, hat Carl Frey von der Universität Oxford berechnet. „Dass Auto- oder Busfahrer, Buchhalter oder Übersetzer überflüssig sind, hätten wir uns vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können“, sagte Frey auf dem Summit.

Nicht alle diese Menschen würden arbeitslos werden – sie fänden nur selten einen gleichwertigen Job. Spezialisten würden weiterhin gesucht, viele andere müssten sich jedoch mit schlechter bezahlten Arbeitsplätzen im Service arrangieren, prognostizierte Frey: „Die Mitte bricht weg.“

Schluss mit tapsig

Zumal auch Roboter immer mehr Arbeiten übernehmen. Noch seien Roboter tapsige Wesen, die nur wenige festgelegte Aufgaben erledigen könnten, sagte Keynote Speaker Ken Goldberg. Das ändere sich allerdings durch „Cloud Robotics“: Roboter verbinden sich mit dem Internet und erweitern ihr Wissen.

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Prof. Dr Ken Goldberg gewährte Einblicke in die Zukunft von maschinellem Lernen und Robotics (Foto: Vodafone Institut)

„Sie können in der Cloud beispielsweise 3D-Modelle von Coladosen und Milchflaschen erkennen, vergleichen und entsprechend fest oder vorsichtig zugreifen“, sagte Goldberg, als Leiter des Automation Science Lab an der Universität Berkeley einer der weltweit bekanntesten Experten. Habe ein Roboter einige tausend solcher 3D-Objekte abgespeichert, könne er ähnliche Objekte selbsttätig einordnen. „Damit sind wir tatsächlich beim selbstlernenden Roboter angekommen.“

Was uns keine Albträume bereiten sollte: „Es bleibt genug für uns Menschen zu tun“, sagte Goldberg. Zum Beispiel, den öffentlichen Nahverkehr zu revolutionieren. Genau das plant Maxim Nohroudi, CEO von Ally. Das Berliner Start-up sammelt Daten, um zu ermitteln, wer wann welche Verkehrsmittel nutzt. Dabei geht es nicht nur darum, wie (un)gern Frauen nachts U-Bahn fahren.

„Wir wollen herausfinden, welche Alternative etwa Autofahrer bei einem innerstädtischen Stau bevorzugen“, sagte Nohroudi auf dem Summit. So will er frühzeitig erkennen, wann wo welche Verkehrsmittel gefragt sein werden. „Unser Ziel ist, public transport on demand’“, so Nohroudi: „Nicht du richtest dich nach dem Fahrplan des Busses, sondern der Bus richtet sich nach dir.“

Deutschland kann gewinnen. Oder verlieren

Dazu braucht es Kapital. Derzeit geben sich Investoren oft skeptisch, wenn sie Geschäftsmodelle für die Gigabit-Gesellschaft sehen. Der Grund: Es mangelt teilweise noch an der Netz-Infrastruktur. „Wenn wir die Gigabit-Gesellschaft erreichen wollen, brauchen wir ein gemeinsames Vorgehen, um die finanziellen Risiken auf mehrere Schultern zu verteilen“, sagt IW-Direktor Hüther. Er vermisst den erkennbaren Willen der Politik, wohlfeilen Worten nun Taten folgen zu lassen.

Hüther at Vodafone Summit (Bild4)

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), berichtete über die Erkenntnisse der neuen Studie „Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft“ (Foto: Vodafone Institut)

„Dabei hätte Deutschland von all den Ländern in der Welt vom Potenzial her bei einer konsequenten Digitalisierung am meisten zu gewinnen“, sagte Cisco-Manager Cedrik Neike. Und wenn es diese Chance ausschlägt, „eine Menge zu verlieren“.

Dann ziehen andere Nationen vorbei. Schweden, Großbritannien, Spanien und Irland verstehen „Digitising Europe“ als Handlungsaufforderung und investieren verstärkt in den Ausbau von Glasfasernetzen.