Der Datensturm braucht ein soziales Antlitz

Die Datenrevolution erfordert von Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft und Gesamtgesellschaft Weitsicht und ständigen Gedankenaustausch. Von Emmanuel Letouzé & Carson Martinez

Von Emmanuel Letouzé und Carson Martinez

Während man der Bibliothek von Alexandria noch im 3. Jahrhundert v. Chr. nachsagte, das gesamte Wissen der Menschheit zu beherbergen, ist eine solche Quantifizierung heutzutage nahezu unmöglich. Der Vormarsch digitaler Technologien und die voranschreitende Digitalisierung der Gesellschaft machen es immer schwieriger, sämtliche Wissensbestände zu überblicken.

Heutzutage übersteigt schon der sekündliche Datenstrom die noch vor 20 Jahren insgesamt im World Wide Web gespeicherten Daten um ein Vielfaches. Vieles davon ist harmlos und informationsarm – Fotos des mittäglichen Essens, Katzenvideos.

Zweifellos erlebt die heutige Welt jedoch ein sozio-technologisches Phänomen in historischem Ausmaß, in dessen Steuerungszentrum sich die Produktion und Anwendung großer Datenmengen befindet – ursprünglich „Petabyte Age” und „Industrial Revolution of Data” genannt, spricht man heute nur noch von der „Data Revolution”.

Obwohl diese Datenrevolution hauptsächlich zwei Kernbewegungen meint – Open Data und Big Data – ist es vor allem letztere, die verständlicherweise gleichzeitig unsere kühnsten Hoffnungen nährt und tiefsten Ängste weckt. Im Angesicht der langen sozio-technologischen Geschichte – immer gleichermaßen von einem Kampf um gesellschaftlichen Fortschritt und etablierte Machtverhältnisse begleitet – sieht sich die Welt einer uralten Frage ausgesetzt: Wie kann die Datenrevolution zu positivem sozialen Wandel beitragen?

Alex Pentland (l.) und Andrew Keen waren die Hauptredner der „Digitising Europe Initiative – Berlin 2015“ – und stellten sich einer teilweise leidenschaftlich geführten Debatte zur Datenrevolution (Foto: Vodafone Institut)

Technologischer Fortschritt mag zunächst oft neutral erscheinen – im Sinne eines mitunter banalen Ursache-Wirkungs-Prinzips: ein Bild aufhängen, einen Schädel einschlagen, die Weihnachtsbeleuchtung mit Strom versorgen, ganze Städte in Schutt und Asche legen. Aber solch ein simples Nullsummenspiel ist und war es nie: „Verändere das Werkzeug und du wirst die diesem zugrundeliegende (Sozial-)Theorie mitverändern, schrieb Bruno Latour, Professor an der Universität Sciences Po, einmal.

Wendell Wallachs neuestes Buch, „A Dangerous Master: How to Keep Technology from Slipping Beyond Our Control” wiederholt und betont Christian Lous Langes mahnende Worte: „Technologie ist ein hilfreicher Diener, aber ein gefährlicher Herr“. Wallach warnt vor einem möglichen „tech storm” – einer ganzen Fülle von Gefahren, die sich aus dem Einsatz neuer Technologien speisen.

Er verweist auf die seit jeher essenzielle Bedeutung von historischen Wendepunkten und Möglichkeitsstrukturen, die es erlauben, technologische Entwicklung zum Guten wie Schlechten zu beeinflussen. Geschwindigkeit und schiere Wucht der Veränderungen durch die Datenrevolution gleichen einem Sturm, aber wir sollten davon weder überrascht sein, noch die Fehler der Vergangenheit wiederholen.

Es gibt gute Gründe, zu glauben, dass wir uns aktuell an genau so einem Wendepunkt befinden, um einem neuen – auf den Möglichkeiten, Mitteln, Regeln und Wächtern von Daten – aufbauenden Ökosystem, gemeinsam eine positive Zukunftsrichtung zu geben. Nach einigen ersten, stark polarisierenden Jahren des kollektiven Austauschs, haben Stimmen der Vernunft deutlich an Kraft gewonnen und damit Risiken der und Anforderungen an die Datenrevolution eine objektivere Plattform zu geben.

„Sind Daten eine Gefahr für die Dritte Welt?“ fragte kürzlich Kate Crawford, leitende Forscherin bei Microsoft Research, darauf hinweisend, dass Daten den „zunehmenden Macht- und Wohlstandsasymmetrien zwischen den Hütern der Daten und denen, die sich den daraus abzuleitenden Maßnahmen unterwerfen,“ Vorschub leisten würden.

Für ein dergestalt konkretes Risiko gibt es bereits zahllose Beispiele. Bislang haben Datenanalysten in erster Linie die beiden Formen von Bürokratie begünstigt, die ohnehin die größten Macht- und Datenressourcen in sich vereinen: Regierungen und Großunternehmen. Das muss freilich nicht für die Zukunft gelten.

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Big Data prägt die aktuelle Debatte über Digitalisierung in sämtlichen Lebensbereichen ganz entscheidend mit (Foto: Vodafone Institut)

Sozialpolitische Veränderungen und Investitionen sind essenziell

„Heute haben wir zum ersten Mal überhaupt eine wirkliche Wahl,“ formulierte es Data-Pop Alliance Academic Director Alex „Sandy” Pentland vor einigen Wochen und ergänzte: „Der entscheidende Faktor von Demokratisierung war immer die Aufteilung der Machtressourcen in den Händen einer großen Allgemeinheit, weshalb die Anwendung autoritärer Kontrolle überaus schwierig war. Bei Daten scheint es ähnlich zu sein: um autokratische Kontrolle zu verhindern, muss die Gesamtbevölkerung einen effektiven und direkten Zugriff auf die Daten haben, die sie selbst betreffen“.

Das wird enorme sozialpolitische Veränderungen und Investitionen gleichermaßen verursachen und auch schlicht notwendig machen, aber es liegt nicht völlig außer Reichweite. Denn die Technologie – auch dafür – ist da: „Technologisch ist es mittlerweile absolut möglich einen Datenverwaltungsstandard zu nutzen, der nicht einmal den Mächtigsten dieser Welt Datenmissbrauch ohne weiteres ermöglicht – Gewaltandrohung ausgeschlossen“ schreibt Pentland dazu.

Zivilgesellschaften überall auf der Welt – aber auch einigen Privatunternehmen und Regierungsinstitutionen – wird nun offenbar, dass Einzelpersonen zukünftig deutlich mehr Kontrolle darüber haben sollten und haben werden, wie die sie betreffenden Daten genutzt werden – sowohl von ihnen selbst als auch von Seiten möglicher Daten-Drittverwalter.

Neue Verhaltenskodizes, Ethik-Prinzipien und rechtliche Rahmenbedingungen werden sich etablieren. Bedingung, aber auch Folge dessen, wird die Entstehung einer nicht unerheblichen Daten-sensiblen – oder vielmehr einer im Angesicht des Datenzeitalters gebildeten – Bürgerschaft sein: Einzelpersonen und Gruppen mit dem „Verlangen und den Fähigkeiten, sich durch und über Datennutzung konstruktiv in die Gesellschaft einbringen“ (Pentland).

Dies könnte die Mitgestaltung von universell gültigen Verhaltenskodizes einschließen, muss freilich nicht darauf beschränkt bleiben. In erster Linie wird es darauf ankommen, Begegnungs- und Diskussionsräume zu schaffen, wo Meinungen frei geäußert, verschiedene Blickwinkel offen eingenommen werden dürfen, um gemeinsame Nenner zu definieren und unnötige Grabenkämpfe, Repressalien und Widerstände zu vermeiden – mit dem Ziel Daten für die Bevölkerung „arbeiten“ zu lassen.

Datenrevolution mit einer sozialen Komponente?

Diese konstruktiven, interaktiven und informativen Räume zu gestalten ist das oberste Ziel der Digitising Europe Initiative – einer europaweiten Diskussion über Europas digitale Ökonomie, initiiert vom Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation in Zusammenarbeit mit Data-Pop Alliance.

Im Zuge dieser Initiative wird es innerhalb der nächsten sechs Monate mehrere Stakeholder-Dialoge in europäischen Metropolen – nach dem Startschuss im November 2015 in Berlin, geht es in Brüssel, Madrid und Dublin weiter – geben, um darüber zu debattieren, wie man die Implikationen der Datenrevolution „richtig“ deutet und steuert.

Wir sind hoffnungsvoll, dass die Veranstaltungsreihe gleichermaßen Bewusstsein, Ideen und Zusammenarbeit fördern kann, um der Datenrevolution ein sozialeres Antlitz zu verleihen und den Menschen stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Emmanuel Letouzé ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Data-Pop Alliance. Er ist außerdem Fellow bei der Harvard Humanitarian Initiative (HHI), Gastprofessor am MIT Media Lab und Demographie PhD Kandidat an der UC Berkeley. Carson Martinez studiert Neurowissenschaften an der New York University (NYU), sie arbeitet aktuell für die Data-Pop Alliance.

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