Hans Ulrich Gumbrecht und das Denken „out of the box“

Alltag ohne digitalen Austausch ist mittlerweile schwer vorstellbar. Wie analogen Gedanken ein Forum geboten werden kann, bewiesen Hans Ulrich Gumbrecht und Heinz Bude.

„Selbst die früher ‚proletarisch‘ genannten Berufe vollziehen sich in der globalen Kultur des frühen einundzwanzigsten Jahrhundert in alltäglicher Dauer-Aufmerksamkeit vor den Bildschirmen der Computer, das heißt in einer Fusion von Software und menschlichem Bewusstsein.

In dieser universalen Lebensform erreichen Descartes‘ Beschreibung der menschlichen Existenz („ich denke, deshalb bin ich“) – und mit ihr ein bestimmtes Verständnis der Moderne – ihre überraschende und nicht zu überbietende Erfüllung, weil sie die Körper der Menschen als eine nicht mehr in den Blick kommende Prämisse ausschließen.

Daraus entstehen Folgelasten, deren momentane und langfristige Konsequenzen wir erst zu ahnen und zu ermessen beginnen. Sie prägen die individuelle und kollektive Gegenwart und bedürfen dringend einer Diagnostik in verschiedenen sozialen und existentiellen Dimensionen.“ (Hans Ulrich Gumbrecht)

Zur Auftaktveranstaltung von „AusZeit“ in Berlin durfte das Vodafone Institut den rennomierten amerikanischen Literaturprofessor und Feuilletonisten Hans Ulrich Gumbrecht begrüßen. Im Zwiegespräch mit dem Kasseler Makrosoziologen Heinz Bude entwickelte sich ein kreativer Gedankenaustausch jenseits der digitalen Sphäre.

Mark Speich, Geschäftsführer des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation, konnte etwa 30 geladene Gäste aus Politik und Wirtschaft im Berliner Einstein Stammhaus begrüßen.

Gumbrecht bei Auszeit

Feuilletonist Hans Ulrich Gumbrecht nahm die Anwesenden mit auf eine literarisch-philosophische Reise durch die Jahrhunderte – hier zusammen mit David Deißner und Mark Speich (v.l.n.r.) (Foto: Vodafone Institut/Matthias Schoebe)

Für etwa zwei Stunden schufen Gumbrecht und Bude einen geistigen Rückzugsraum, um der Digitalisierung in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und nicht zuletzt in der alltäglichen Arbeitswelt „out of the box“ zu begegnen. Eine bewusste Entschleunigung des menschlichen Daseins stand im Mittelpunkt.

Die beiden Literaten begaben sich auf eine historisch-philosophische Reise durch die Jahrhunderte – von der altgriechischen Mythologie über Camus und Luhmann bis hin zur Strahlkraft des amerikanischen Präsidenten Obama im 21. Jahrhundert. Dabei immer im Blick: Rückschlüsse auf den modernen Menschen, dessen Gewohnheiten, Wertevorstellungen und Interaktionsformen im Angesicht digitaler Beschleunigung.

Die anschließende offene Diskussion erlaubte es allen Zuhörern aktiv an den Gedankenexperimenten teilzuhaben. Pointierte Kommentare und interessierte Nachfragen wechselten sich ab. Dass viele Fragen offen blieben, war durchaus gewünscht, wie auch Gumbrecht mehrfach betonte. Finale Antworten auf die drängenden Fragen der heutigen Zeit könne es ohnehin nicht geben – manchmal sei die richtige Frage sowieso mehr wert als eine mögliche Antwort.